Wo ist ihr Platz? Hat sie ihren Raum – innen wie außen?
Eine Frage, mit der ich mich schon 2022 beschäftigt habe. Und warum es bei mir eine neue Rollenverteilung brauchte. Und einen eigenen Schreibtisch mit Aussicht.
Als meine Tochter mit fünfzehn zu ihrem Vater zog, stellte ich mir zum ersten Mal einen Schreibtisch ans Fenster.
Meine Entwürfe, Plotskizzen und Karteikärtchen stopfte ich nicht mehr zurück ins Regal. Stapelte sie nicht mehr auf der Fensterbank. Sondern sie lagen nun ausgebreitet auf einem echten Schreibtisch. Mit Blick nach draußen. Für mich allein.
Davor hatte ich jahrelang am Esstisch geschrieben – zwischen Mahlzeiten, Hausaufgaben, Gesprächen, anderen Bedürfnissen. Am Ende jedes Schreibfensters musste der Text wieder weichen. Platz machen für Teller, Hefte, das nächste Dringende. Es war ein Schreiben im Provisorium. Passend zu einem Leben, das selbst provisorisch organisiert war.
In einer Schublade lagen neben unzähligen Entwürfen und Ideen auch zwei fast fertige Manuskripte. Seit Jahren. Sie warteten.
Als der Stuhl am Esstisch frei blieb, erschienen meine ersten Bücher.
Der äußere Raum
Virginia Woolf sprach vom Zimmer für sich allein als Voraussetzung fürs Schreiben. Sie meinte es konkret: ein Raum, eine Tür, die man schließen kann, Zeit, die niemandem sonst gehört.
Für Mütter – besonders für Mütter, die allein für Fürsorge, Alltag und Kümmern zuständig sind – ist dieser Raum oft das Letzte, was übrig bleibt. Nicht weil er nicht existiert. Sondern weil er immer wieder weggeräumt wird. Vom nächsten Bedürfnis, der nächsten Aufgabe, dem nächsten Menschen, der etwas braucht.
Das Schreiben lernt sich anzupassen. Es zwängt sich in Lücken. Es wird leise, klein, provisorisch. Und irgendwann glaubt man, das sei normal. Das sei genug.
Es ist nicht genug.
Der äußere Schreibraum ist keine Kleinigkeit. Er ist eine Aussage: Meine Arbeit hat hier einen Platz. Nicht zwischen zwei Mahlzeiten. Nicht auf Abruf. Sondern fest, sichtbar, unverrückbar.
Der innere Raum
Aber ich habe gelernt: Der äußere Raum allein reicht nicht.
Man kann einen perfekten Schreibtisch haben – ruhig, aufgeräumt, mit Blick ins Grüne – und trotzdem nicht schreiben. Weil der innere Raum noch nicht frei ist. Weil die Stimmen von draußen längst nach innen gezogen sind.
Die Mutterrolle bringt Stimmen mit. Jetzt ist nicht der richtige Moment. Das kann warten. Erst wenn alle versorgt sind. Erst wenn du fertig bist. Erst wenn du dir sicher bist.
Und darunter, noch leiser, die geerbten Stimmen: Das darfst du nicht schreiben. Es zeigt zu viel. Es könnte jemandem wehtun. Es hat dir niemand erlaubt.
Diese Stimmen sind nicht böse. Sie sind oft die Stimmen von Müttern, die selbst nie einen Schreibtisch ans Fenster gestellt haben. Die nie gefragt wurden, was sie schreiben würden, wenn niemand zuschaut. Die Fürsorge so tief verinnerlicht haben, dass für die eigene Stimme kein Platz mehr blieb.
Wir erben nicht nur Familiengeschichten. Wir erben auch das Schweigen.
Die Erlaubnis
Schreiben braucht beides: den äußeren Raum, der sagt hier darfst du – und den inneren Raum, der sagt ich habe etwas zu sagen.
Eines ohne das andere funktioniert auf Dauer nicht. Der äußere Raum ohne den inneren bleibt leer. Der innere Raum ohne den äußeren bleibt stumm.
Die Erlaubnis, wirklich zu schreiben – nicht zwischen zwei Dringlichkeiten, sondern mit dem ganzen Gewicht der eigenen Stimme – erteilt einem niemand. Keine Ausbildung, kein Verlag, kein freier Nachmittag. Man gibt sie sich selbst.
Manchmal ist dafür ein Auslöser nötig. Ein freier Stuhl. Ein Schreibtisch am Fenster. Eine Veränderung, die Raum schafft, den man sich selbst nicht zugestanden hätte.
In meiner Arbeit als Lektorin und Coach begegnet mir das ständig. Autor:innen, die technisch alles können – und trotzdem stocken. Nicht weil das Handwerk fehlt. Sondern weil der Text an eine Stelle gestoßen ist, wo der innere Raum noch nicht geräumt wurde. Eine Figur, die zu nah ist. Ein Thema, das zu viel trägt. Eine Stimme, die noch nicht wirklich die eigene ist.
Manchmal ist Lektorat deshalb kein Handwerksproblem. Es ist die Frage: Was hält dich davon ab, diesen Satz wirklich zu schreiben?
Zwischen diesem Text und heute
Im Januar 2022 schrieb ich für die Bücherfrauen einen Text über schreibende Mütter – über drei Autorinnen, die ich bewundere, und die Frage, wie Mutterschaft und Schreiben zusammengehen. Ich schrieb analytisch, mit Abstand, über andere Frauen.
Ich wusste damals, dass mich das Thema persönlich betraf. Aber die geerbte Stimme war noch lauter als die eigene.
Zwischen diesem Text und dem, was ich heute schreibe, liegt ein Schreibtisch am Fenster – und die Erlaubnis, die ich mir selbst gegeben habe.